Bleibt der MSCI World auch in 20 oder 30 Jahren eine überzeugende Grundlage für die langfristige Geldanlage? Historisch spricht viel für breit gestreute Aktienanlagen. Künstliche Intelligenz, Robotik und extrem sinkende Produktionskosten könnten jedoch verändern, wo Unternehmensgewinne entstehen und welche Vermögenswerte langfristig wertvoll bleiben.
Die entscheidende Frage könnte künftig deshalb nicht mehr allein lauten: Wo entsteht Wachstum?
Sondern:
Wer verfügt über etwas, das auch in einer hochautomatisierten Wirtschaft knapp bleibt?
MSCI World langfristig: Warum die bisherige Logik funktioniert hat
Eine der bekanntesten Regeln der Geldanlage lautet: Langfristig bieten Aktien besonders gute Renditechancen. Ein breit gestreuter Aktienindex wie der MSCI World ermöglicht Anlegern, an der Entwicklung großer und mittelgroßer Unternehmen aus den Industrieländern teilzunehmen.
Der MSCI World umfasst rund 85 Prozent der frei handelbaren Marktkapitalisierung der entwickelten Aktienmärkte. Schwächere Unternehmen verlieren mit der Zeit an Gewicht oder scheiden aus, erfolgreiche Unternehmen gewinnen an Bedeutung.
Problematisch wird es eher, wenn aus einem sinnvollen Anlageinstrument eine vermeintlich universelle Antwort auf jede langfristige Anlagefrage wird. Mit diesem Thema haben wir uns bereits in unserem Beitrag „Fokussierung als unbekanntes Anlagerisiko: Hitzewellen und MSCI World“ beschäftigt.
Denn eine Frage bleibt:
Führt steigende Produktivität auch künftig automatisch zu steigenden Unternehmensgewinnen und damit zu steigenden Aktienkursen?
Wie KI und Robotik Knappheit verändern könnten
Künstliche Intelligenz und Robotik könnten die Produktivität erheblich steigern. Der Internationale Währungsfonds sieht in KI entsprechend großes Potenzial für Produktivität und wirtschaftliches Wachstum.
Maschinen könnten Güter mit immer weniger menschlicher Arbeit herstellen. Software lässt sich bereits heute nahezu ohne zusätzliche Stückkosten vervielfältigen. Intelligente Roboter könnten künftig zusätzlich immer mehr physische Arbeit übernehmen.
Für Verbraucher wäre das zunächst positiv:
Produkte und Dienstleistungen könnten erheblich günstiger werden.
Für Anleger entsteht daraus jedoch eine andere Frage:
Was passiert mit Unternehmensgewinnen, wenn die hergestellten Güter selbst kaum noch knapp sind?
Warum höhere Produktivität nicht automatisch höhere Gewinne bedeutet
Unternehmen verdienen nicht deshalb Geld, weil sie möglichst viel produzieren. Entscheidend ist, dass der Verkaufspreis über den Kosten liegt.
Ein stark vereinfachtes Beispiel:
Ein Unternehmen produziert heute ein Gut für 70 Euro und verkauft es für 100 Euro. Durch KI und Robotik sinken die Herstellungskosten vielleicht irgendwann auf nur noch 5 Euro. Zunächst wäre das hervorragend für das Unternehmen. Wenn aber zahlreiche Konkurrenten dasselbe Produkt ebenfalls für rund 5 Euro herstellen können, könnte der Wettbewerb den Verkaufspreis beispielsweise auf 6 oder 7 Euro drücken. Die Produktivität wäre enorm gestiegen.Der Verbraucher hätte erheblich gewonnen. Der Gewinn des Unternehmens müsste trotzdem nicht steigen.
Damit wird ein für Anleger wichtiger Unterschied sichtbar:
Technologischer Fortschritt kann großen gesellschaftlichen Wohlstand erzeugen, ohne dass dieser Wohlstandsgewinn im gleichen Umfang bei den Aktionären landet.
Was bedeutet das für Unternehmensgewinne und Aktienkurse?
Für den langfristigen Wert einer Aktie ist letztlich entscheidend, welche zukünftigen Gewinne ein Unternehmen erzielen kann. Ein Unternehmen könnte künftig hundertmal mehr produzieren als heute und trotzdem weniger wert sein, wenn seine Produkte praktisch unbegrenzt verfügbar sind und kaum noch Gewinnmargen ermöglichen.Ökonomen sprechen beim Abstand zwischen Verkaufspreis und Grenzkosten vom sogenannten Markup.Starker Wettbewerb begrenzt diesen Aufschlag. Unternehmen mit hoher Marktmacht können dagegen Preise deutlich oberhalb ihrer Kosten durchsetzen. Die OECD untersucht Markups deshalb auch als Indikator für Wettbewerb und Marktmacht.
Für langfristige Anleger ergibt sich daraus eine wichtige Erkenntnis:
Nicht maximale Produktion schafft dauerhaft hohe Kapitalrenditen, sondern die Fähigkeit, trotz Wettbewerb Knappheit oder Marktmacht zu erhalten.
Knappheit verschwindet nicht – sie könnte sich verlagern
Gegen diese Überlegung gibt es allerdings ein starkes Argument.
Technologischer Fortschritt hat Knappheit bisher selten vollständig beseitigt. Häufig hat er sie lediglich an eine andere Stelle verschoben.Wenn Software nahezu kostenlos kopiert werden kann, können beispielsweise Plattformzugang, Daten oder Rechenleistung knapp werden. Wenn Fabriken weitgehend automatisiert produzieren, könnten Energie, Rohstoffe oder geeignete Standorte an Bedeutung gewinnen. Knapp bleiben könnten beispielsweise:
- Grund und Boden an begehrten Standorten
- Energie und bestimmte Rohstoffe
- Rechenkapazität und Hochleistungschips
- Patente und exklusive Technologien
- Daten und digitale Netzwerke
- Marken und Vertrauen
- menschliche Aufmerksamkeit
- bestimmte persönliche Dienstleistungen
- intakte Natur und Ökosysteme
Der wirtschaftliche Gewinn könnte sich damit zunehmend dorthin verschieben, wo trotz technischer Fortschritte weiterhin Knappheit besteht.
Warum digitale Unternehmen trotzdem sehr profitabel sein können
Schon heute zeigt die Digitalwirtschaft, dass extrem geringe Produktionskosten nicht zwangsläufig zu geringen Gewinnen führen. Ein digitales Produkt lässt sich nahezu kostenlos millionenfach vervielfältigen. Trotzdem können einzelne Unternehmen außergewöhnlich profitabel sein. Der Grund liegt häufig nicht im eigentlichen Produkt, sondern in neuen Formen von Knappheit: Netzwerkeffekte, Daten, Marken, Plattformzugang, Patente oder technologische Vorsprünge können Wettbewerber daran hindern, den Preis bis auf die Produktionskosten herunterzukonkurrieren. Die OECD hat in Untersuchungen entsprechend festgestellt, dass Markups gerade in digital intensiven Branchen teilweise besonders stark gestiegen sind.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
Wird künftig alles billig?
Sondern:
Wo entstehen neue Engpässe, Zugangsbarrieren und Knappheiten?
Kann der MSCI World dadurch langfristig ins Abseits geraten?
Nicht zwangsläufig. Der MSCI World ist kein statisches Portfolio. Wenn heutige Unternehmen an wirtschaftlicher Bedeutung verlieren, verlieren sie auch Gewicht im Index. Neue Gewinner können aufsteigen und einen immer größeren Anteil einnehmen. Sollten also börsennotierte Unternehmen künftig erfolgreich neue Knappheiten kontrollieren, würde ein breit gestreuter Aktienindex grundsätzlich auch an dieser Entwicklung teilnehmen. Das ist eines der stärksten Argumente für den MSCI World.
Trotzdem sollte ein Aktienindex nicht isoliert betrachtet werden. In unserem Beitrag „Finanzplanung als Problemlöser: Finanzbranche gibt oft falsche Antworten“ erläutern wir, warum zunächst die finanzielle Aufgabe geklärt werden sollte – und erst danach das passende Anlageprodukt.
Denn zwei Fragen bleiben offen.
1. Liegen die entscheidenden Knappheiten künftig überhaupt bei börsennotierten Unternehmen?
Nicht jeder knappe Vermögenswert muss über einen Aktienindex investierbar sein. Grundstücke, Infrastruktur, bestimmte natürliche Ressourcen, Nutzungsrechte oder andere Vermögenswerte können wirtschaftlich wertvoll werden, ohne dass Anleger automatisch über den MSCI World daran beteiligt sind.
2. Kommen Produktivitätsgewinne beim Kapitalbesitzer an?
Eine Gesellschaft kann durch KI und Robotik erheblich wohlhabender werden, während gleichzeitig bestimmte Unternehmensmargen sinken. Wirtschaftswachstum, technologischer Fortschritt und Aktienrendite sind deshalb nicht zwangsläufig dasselbe.
Die Investmentfrage könnte sich verändern
Klassische langfristige Anlagekonzepte fragen häufig:
Welche Anlageklasse bietet langfristig die höchste Rendite?
Eine zweite Frage könnte künftig wichtiger werden:
Welche Vermögenswerte ermöglichen mir, an zukünftigen Knappheiten zu partizipieren?
Das können weiterhin Aktien sein.
Aber ebenso denkbar sind beispielsweise Grundstücke, Infrastruktur, bestimmte Rohstoffe, Nutzungsrechte oder heute noch kaum relevante Anlageformen.
Das Problem:
Wir wissen heute nicht zuverlässig, wo die entscheidenden Knappheiten des Jahres 2040 oder 2050 liegen werden. Und genau deshalb bekommt ein häufig unterschätzter Faktor einen zusätzlichen Wert.
Liquidität kann in einer unsicheren Zukunft wertvoller werden
Liquidität wird bei langfristigen Anlageentscheidungen häufig lediglich als Renditeverzicht betrachtet.
Geld, das schwankungsarm oder kurzfristig verfügbar gehalten wird, erzielt langfristig möglicherweise weniger Rendite als eine erfolgreiche Aktienanlage.
Dafür bietet Liquidität etwas anderes:
Entscheidungsfreiheit.
Wer heute sein gesamtes Vermögen langfristig auf eine bestimmte Vorstellung der Zukunft ausrichtet, muss darauf vertrauen, dass diese Vorstellung einigermaßen richtig ist. Wer einen Teil seines Kapitals flexibel hält, kann später reagieren. Liquidität wäre damit nicht einfach „ungenutztes Kapital“. Und wenn man – wie bei FORAIM Liquidität durch liquiditätsnahe Geldanlagen ersetzt, würde es sich nicht einmal um „ungenutztes Kapital“ handeln. Liquidität wäre der Preis dafür, sich heute noch nicht vollständig festlegen zu müssen. Gerade in der Ruhestandsplanung spielt diese zeitliche Zuordnung des Vermögens eine wichtige Rolle. In unserem Beitrag „Finanzielle Ruhestandsplanung: 3 Phasen berücksichtigen“ zeigen wir, warum nicht jedes Kapital denselben Anlagehorizont haben sollte.
Was bedeutet das für die langfristige Geldanlage?
Aus diesen Überlegungen folgt nicht, dass Anleger den MSCI World meiden sollten. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass Immobilien, Rohstoffe oder andere Anlagen künftig zwangsläufig besser abschneiden werden. Die Schlussfolgerung ist vorsichtiger:
Je unsicherer die zukünftige Wirtschaftsstruktur ist, desto wertvoller kann die Fähigkeit werden, die Kapitalallokation später anzupassen.
Neben Rendite und Risiko könnte deshalb ein drittes Kriterium stärker in den Mittelpunkt der Finanzplanung rücken: Flexibilität. Die entscheidende Frage lautet dann möglicherweise nicht mehr ausschließlich: Welche Anlage bringt mir in den nächsten 30 Jahren die höchste Rendite?
Sondern: Wie viel meines Vermögens möchte ich heute bereits für die Welt von 2050 positionieren – und wie viel möchte ich flexibel halten, um auf Entwicklungen reagieren zu können, die wir heute noch nicht kennen?
Häufige Fragen zur Zukunft des MSCI World
Wird der MSCI World durch künstliche Intelligenz unattraktiv?
Das lässt sich nicht ableiten. Erfolgreiche KI-Unternehmen und andere Gewinner technologischer Veränderungen können künftig selbst große Bestandteile globaler Aktienindizes werden. Die Frage ist vielmehr, welcher Anteil zukünftiger wirtschaftlicher Knappheiten tatsächlich über börsennotierte Unternehmen abgebildet wird.
Führt höhere Produktivität automatisch zu höheren Aktienrenditen?
Nein. Produktivität kann Produktionskosten senken und gesellschaftlichen Wohlstand erhöhen. Wenn gleichzeitig der Wettbewerb steigt und Verkaufspreise sinken, müssen Unternehmensgewinne nicht im gleichen Umfang wachsen.
Welche Vermögenswerte könnten künftig knapp bleiben?
Denkbar sind unter anderem attraktive Grundstücke, bestimmte Rohstoffe, Energie, Rechenleistung, Daten, Patente, Infrastruktur, menschliche Aufmerksamkeit und intakte natürliche Ressourcen. Konkret zum Beispiel, wenn Sie Grundstücke und menschliche Aufmerksamkeit verbinden > Pflegeheim-Apartments. Welche davon tatsächlich überdurchschnittliche Renditen erzielen, lässt sich heute nicht zuverlässig prognostizieren.
Warum könnte Liquidität wichtiger werden?
Liquidität ermöglicht, Kapital später neu zu investieren. Wenn zukünftige wirtschaftliche Strukturen schwer vorhersehbar sind, kann diese Flexibilität selbst einen wirtschaftlichen Wert besitzen.
Fazit: MSCI World, KI und die Bedeutung zukünftiger Knappheiten
Der MSCI World bleibt – zumindest in den nächsten Jahren – ein überzeugendes Instrument, um breit gestreut an börsennotierten Unternehmen der entwickelten Welt beteiligt zu sein. Blickt man weiter in die Zukunft, so werfen Künstliche Intelligenz und Robotik dennoch eine grundsätzliche Frage auf:
Was passiert mit Kapitalrenditen, wenn immer mehr Güter nahezu unbegrenzt und extrem günstig produziert werden können?
Vermutlich wird Knappheit nicht verschwinden. Sie wird sich verändern. Für Anleger könnte deshalb langfristig weniger entscheidend sein, wer am meisten produziert – sondern wer Zugang zu dem besitzt, was trotz technologischen Fortschritts knapp bleibt.
Und solange wir nicht wissen, wo diese Knappheiten liegen werden, hat auch die Möglichkeit, später neu zu entscheiden, einen Wert.
Wie zukunftsfähig ist Ihre eigene Vermögensstruktur?
Eine solche Überlegung lässt sich nicht mit der pauschalen Entscheidung „MSCI World – ja oder nein?“ beantworten.
Entscheidend ist vielmehr, welche Teile Ihres Vermögens langfristig investiert bleiben können, wann Sie Kapital voraussichtlich benötigen, welche Verluste Sie zwischenzeitlich verkraften können und wie viel Flexibilität Sie sich erhalten möchten.
FORAIM verbindet deshalb Geldanlage mit individueller Finanz- und Liquiditätsplanung – bevor über einzelne Produkte entschieden wird.
Wenn Sie prüfen möchten, ob Ihre heutige Vermögensstruktur auch bei veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ausreichend flexibel ist, können Sie mit uns ein kostenfreies und unverbindliches Erstgespräch vereinbaren.
Quellen
MSCI: MSCI World Index – Methodik und aktuelle Indexdaten.
https://www.msci.com/indexes/index/990100/msci-world-index
Internationaler Währungsfonds (IWF): Analysen zu künstlicher Intelligenz, Produktivität und Wirtschaftswachstum.
https://www.imf.org/en/topics/artificial-intelligence
OECD: Competition and Market Dynamism – Wettbewerb, Markups und Marktmacht.
https://www.oecd.org/en/topics/sub-issues/competition-and-market-dynamism.html







