Hohe Zinsen – immer ein Risiko und Warnsignal?
Ein Paradebeispiel für die Überlegung, wie Zins, Aktionszins und Risiko zusammenhängen ging gerade durch die Presse. Der aktuelle Fall, bei dem gesetzliche Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen nach Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung mindestens 170 Millionen Euro mit riskanten Immobilienfonds verloren haben, zeigt ein altes Grundprinzip der Geldanlage: Rendite gibt es nicht ohne Risiko. Die Anlagen hätten eigentlich so gewählt werden müssen, dass ein Verlust praktisch ausgeschlossen erscheint (1). Medienberichten zufolge sollen Verantwortlichen Anlagen mit einer Verzinsung von rund 7 % als vergleichsweise sicher dargestellt worden sein. Ob diese Aussage im Einzelfall zutraf, wird noch untersucht. Der Fall verdeutlicht aber eine wichtige Erkenntnis:
Ein deutlich über dem Marktdurchschnitt liegender Zins ist häufig ein Hinweis darauf, dass auch das Risiko höher ist.
Warum hängen Zins und Risiko zusammen?
Der Zins erfüllt mehrere Funktionen. Er ist unter anderem
- der Preis für geliehenes Kapital,
- ein Ausgleich für Inflation,
- eine Vergütung für den Verzicht auf Liquidität,
- und ein Maßstab für das übernommene Risiko.
Wer einem wirtschaftlich unsicheren Schuldner Geld leiht, verlangt normalerweise einen höheren Zins als bei einem sehr sicheren Schuldner.
Ein einfaches Beispiel:
- Der deutsche Staat zahlt meist geringere Zinsen als Unternehmen.
- Ein Unternehmen mit schwächerer Bonität muss dagegen oft deutlich höhere Zinsen bieten, um Anleger zu überzeugen.
Je höher das wahrgenommene Risiko, desto höher muss in der Regel auch der Zins sein. Genau deshalb sollten professionelle Investoren immer zuerst auf das Risiko schauen– und erst danach auf die Rendite.
Warum Aktionszinsen beim Tagesgeld etwas anderes sind
Es gibt allerdings eine wichtige Ausnahme:
Aktionszinsen beim Tagesgeld.
Wenn eine wirtschaftlich gesunde Bank Neukunden gewinnen möchte, zahlt sie häufig für einige Monate einen überdurchschnittlichen Zinssatz.
Der höhere Zins ist dann kein Ausdruck eines höheren Ausfallrisikos, sondern Teil des Marketingbudgets.
Für Beträge bis 100.000 Euro pro Person und Bank greift innerhalb der EU grundsätzlich die gesetzliche Einlagensicherung. Dadurch bleibt das Risiko für viele Anleger trotz eines attraktiven Aktionszinses überschaubar (2). Natürlich ersetzt die Einlagensicherung keine sorgfältige Auswahl der Bank. Dennoch unterscheiden sich Aktionszinsen grundsätzlich von dauerhaft ungewöhnlich hohen Renditeversprechen.
Hat es trotzdem schon Bankenpleiten gegeben?
Ja.
Auch in Europa und Deutschland sind in den vergangenen Jahren Banken insolvent oder abgewickelt worden.
Bekannte Beispiele sind unter anderem:
- Greensill Bank (Deutschland, 2021) – zahlreiche Kommunen verloren Geld, weil öffentliche Gelder nicht unter die gesetzliche Einlagensicherung fielen. Private Anleger bis 100.000 Euro waren dagegen geschützt (3).
- Kaupthing Bank (Island, 2008) – deutsche Sparer erhielten ihre unter die Einlagensicherung fallenden Guthaben letztlich zurück.
Diese Beispiele zeigen:
Nicht jede Bankenpleite führt automatisch zu Verlusten für Privatanleger. Entscheidend ist, ob die Einlagen unter die gesetzliche Einlagensicherung fallen und welche Beträge angelegt wurden und ob die Einlagensicherung im Zweifel auch über ausreichend Kapital verfügt.
Der Zins hängt nicht nur vom Risiko ab
Der Zinssatz wird von mehreren Faktoren beeinflusst.
Dazu gehören insbesondere:
- das allgemeine Zinsniveau der Zentralbanken,
- die Laufzeit der Geldanlage,
- das Risiko des Schuldners,
- und die eingeschränkte Verfügbarkeit des Geldes (Illiquidität).
Deshalb erhält man für langfristige Anlagen häufig andere Zinssätze als für täglich verfügbares Tagesgeld (4).
In diesem Beitrag haben wir bewusst auf Tagesgeld abgestellt.
Ausblick und mehr Informationsmöglichkeiten
In den kommenden Beiträgen werden wir zwei weitere wichtige Einflussgrößen näher erläutern:
- Warum längere Laufzeiten häufig höhere Zinsen ermöglichen
- Welche Rolle das sogenannte Illiquiditätsrisiko für die Rendite spielt
Denn wer die Herkunft eines Zinses versteht, trifft häufig bessere Anlageentscheidungen als jemand, der lediglich den höchsten Zinssatz auswählt.
Weitere Informationsmöglichkeiten:
Links:
(1) Tagesschau, Krankenkassen verlieren mindestens 170 Millionen Euro, 17.7.26
(2) Verbraucherzentrale, Risiko und Einlagensicherung: Fragen und Antworten zur Geldanlage, 27.2.2026
(3) Welt, Deutsche Kommunen verlieren offenbar halbe Milliarde Euro Steuergeld, 14.03.2021
(4) Eine Sammlung von Hintergrundartikeln zum Tagesgeld finden Sie hier: Tagesgeld-FORAIM Sammlung







