Fokussierung ist bequem – weiterzudenken dagegen oft unbequem
Fokussierung stellt ein unbekanntes Anlagerisiko dar. Lassen Sie uns dazu mit diesem Zitat beginnen:
„Wir diskutieren intensiv über Wettbewerbsfähigkeit und Konkurrenz aus China. Gleichzeitig verlieren wir in den Sommermonaten immer häufiger Produktivität durch Hitze.(1)“
Mit diesem Satz bringt der Präsident des Wuppertal Instituts, Prof. Dr.-Ing. Manfred Fischedick, einen grundlegenden Denkfehler auf den Punkt.
Während Politik, Wirtschaft und Medien intensiv über internationale Wettbewerbsfähigkeit diskutieren, wirkt ein anderer Faktor häufig im Hintergrund – und dennoch mit erheblichen wirtschaftlichen Folgen.
Wie groß diese Folgen sein können, zeigt eine aktuelle Analyse der Prognos AG: Allein die Hitzewelle Ende Juni 2026 verursachte innerhalb von nur zwei Wochen volkswirtschaftliche Kosten von rund 6,3 Milliarden Euro (2). Auf den ersten Blick mögen 6,3 Milliarden Euro angesichts einer deutschen Wirtschaftsleistung von rund 4,6 Billionen Euro pro Jahr überschaubar erscheinen. Tatsächlich entsprechen sie jedoch rund 0,14 % der jährlichen Wirtschaftsleistung – verursacht in lediglich zwei Wochen. Viele langfristige Auswirkungen auf Gesundheit, Infrastruktur, Landwirtschaft oder Investitionen sind dabei noch gar nicht vollständig berücksichtigt.
Die eigentliche Botschaft lautet deshalb nicht, dass Hitzewellen wichtiger wären als der internationale Wettbewerb. Vielmehr zeigt dieses Beispiel, wie leicht wir dazu neigen, unsere Aufmerksamkeit auf wenige dominierende Themen zu richten und andere wirtschaftlich relevante Entwicklungen auszublenden. Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman (3) hat diesen Mechanismus wissenschaftlich beschrieben. Menschen vereinfachen komplexe Zusammenhänge, indem sie sich auf besonders präsente oder häufig diskutierte Informationen konzentrieren. Das erleichtert Entscheidungen – erhöht aber gleichzeitig die Gefahr, weniger offensichtliche, jedoch wirtschaftlich bedeutsame Entwicklungen zu unterschätzen.
Der gleiche Denkfehler begegnet uns bei der Geldanlage
Auch Anleger wünschen sich einfache Antworten.
In den vergangenen Jahren hat sich für viele der MSCI World zu einer nahezu universellen Lösung entwickelt. Der Index ist zweifellos für zahlreiche Anleger ein sinnvoller Baustein einer langfristigen Vermögensanlage.
Problematisch wird es jedoch, wenn aus einer guten Lösung die einzige Lösung wird.
Dann tritt derselbe Mechanismus auf, den Prof. Fischedick beschreibt: Unsere Aufmerksamkeit richtet sich auf einen dominierenden Gedanken. Andere Einflussfaktoren geraten in den Hintergrund.
Dazu gehören beispielsweise:
- Konzentrationsrisiken auf wenige große Unternehmen,
- die hohe Gewichtung des US-Marktes,
- geopolitische Veränderungen,
- technologische Umbrüche,
- klimabedingte wirtschaftliche Risiken,
- Veränderungen globaler Lieferketten oder
- strukturelle Veränderungen einzelner Volkswirtschaften.
Keines dieser Risiken muss zwangsläufig eintreten. Gute Finanzplanung berücksichtigt jedoch auch Entwicklungen, die heute noch nicht im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion stehen.
Warum das auch für nachhaltige Geldanlagen gilt
Die wirtschaftlichen Folgen der Hitzewelle zeigen, dass ökologische Entwicklungen längst keine rein umweltpolitischen Themen mehr sind. Sie beeinflussen Produktivität, Unternehmensgewinne, Versicherungsleistungen, Infrastrukturinvestitionen und damit letztlich auch Kapitalmärkte.
Deshalb erscheint es sinnvoll, bei langfristigen Anlagehorizonten Nachhaltigkeits- und ESG-Aspekte nicht ausschließlich unter ethischen Gesichtspunkten zu betrachten. Sie können ebenso Ausdruck eines umfassenderen Risikomanagements sein.
Das bedeutet nicht, klassische Anlagegrundsätze aufzugeben. Es bedeutet lediglich, den Blick zu erweitern.
Fazit zur Fokussierung als unbekanntes Anlagerisiko
Das Zitat von Prof. Fischedick beschreibt weit mehr als die wirtschaftlichen Folgen einer Hitzewelle.
Es erinnert daran, dass wirtschaftliche Entscheidungen häufig unter einem zu engen Blickwinkel getroffen werden.
Dasselbe gilt für Kapitalanlagen.
Das größte unbekannte Anlagerisiko besteht häufig nicht darin, dass wir Entwicklungen falsch einschätzen. Es besteht vielmehr darin, dass wir wichtige Einflussfaktoren gar nicht erst in unsere Überlegungen einbeziehen.
Erfolgreiche Finanzplanung beginnt deshalb nicht mit der Suche nach der vermeintlich besten Geldanlage. Sie beginnt mit der Bereitschaft, den eigenen Blickwinkel immer wieder zu hinterfragen. Wenn Sie an den Grundzügen erfolgreicher Finanzplanung interessiert sind, besuchen Sie dazu kostenlos Webinar. In 45 Minuten erfahren Sie die wesentlichen Grundlagen.
Warum dieser Beitrag in die Rubrik „Wirtschaft & Gesellschaft“ gehört
Auf den ersten Blick könnte dieser Beitrag ebenso gut unter „Geldanlage“ erscheinen.
Sein eigentlicher Kern ist jedoch keine Investmentfrage, sondern eine volkswirtschaftliche: Wie entstehen wirtschaftliche Denkfehler – und welche Folgen können sie haben?
Die Art und Weise, wie wir wirtschaftliche Entwicklungen wahrnehmen, beeinflusst später auch unsere Anlageentscheidungen. Gute Finanzplanung beginnt deshalb nicht mit der Auswahl eines Fonds oder ETFs, sondern mit dem Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge.
Links
(1) Das Zitat stammt aus dem Newsletter des Wuppertal Instituts vom 13. Juli 2026.
(2) Prognos AG Berlin, Die Rechnung der Hitze: 6,3 Milliarden Euro in zwei Wochen, 16.07.2026
(3) Daniel Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken, 2016, Buchbesprechung z.B. auf spektrum.de


