Finanzplanung statt Fondsmanagement – dieser Gedanke kam mir vor wenigen Tagen auf einer Investmentveranstaltung in Hamburg.
Solche Veranstaltungen gehören für mich zum Beruf. Nicht, weil ich dort zwangsläufig neue Fonds für unsere Mandanten suche. Sondern weil man dort beobachten kann, wie andere Marktteilnehmer denken. Genau daraus entsteht häufig der größte Nutzen für unsere Kunden. Aber nicht jede interessante Erkenntnis führt zu einer Investition. Manchmal führt sie dazu, eine Investition gerade nicht zu tätigen.
Eine beeindruckende Geschichte
Ein Fondsmanager berichtete über seine Erfahrungen während der Finanzkrise 2008. Seine Schilderung war eindrucksvoll. Große Banken gerieten ins Wanken. Institutionen, die als unantastbar galten, verschwanden. Seine wichtigste Erkenntnis lautete sinngemäß:
„Man sollte niemals nie sagen.“
Eine hervorragende Erkenntnis. 2008 hat gezeigt, dass Dinge passieren können, die zuvor als unmöglich galten. Große Banken können scheitern. Vermeintlich sichere Systeme können ins Wanken geraten. Gewissheiten können verschwinden. Wer sich noch einmal mit den Hintergründen der damaligen Ereignisse beschäftigen möchte, findet bei der Bundeszentrale für politische Bildung eine gute Übersicht zur Finanzkrise 2008 (1).
Bis hierhin war ich vollkommen bei ihm.
Finanzplanung statt Fondsmanagement: Und dann kam der Widerspruch
Im weiteren Verlauf seines Vortrags erklärte derselbe Fondsmanager mehrfach sinngemäß:
Für den langfristigen Vermögensaufbau brauche man eigentlich nur Aktien.
Andere Anlageklassen seien langfristig weitgehend entbehrlich. Hier begann für mich das eigentliche Problem. Nicht wegen der Aktien. Sondern wegen der Logik. Denn wenn jemand sagt:
„Die Zukunft ist nicht vorhersehbar.“
und wenige Minuten später sagt:
„Deshalb reicht es aus, ausschließlich auf eine Anlageklasse zu setzen.“
dann passt das schlicht nicht zusammen. Wer akzeptiert, dass die Zukunft grundsätzlich unsicher ist, kann daraus schwerlich die Gewissheit ableiten, dass eine einzige Lösung immer die richtige Antwort sein wird. Genau deshalb halte ich die Aussage „niemals nie“ für richtig – und die Schlussfolgerung „nur Aktien“ für problematisch. Beides gleichzeitig erscheint mir schwer vereinbar.
Das Problem sind nicht die Aktien
An dieser Stelle werden manche Leser vielleicht denken: „FORAIM hat etwas gegen Aktien.“ Das Gegenteil ist der Fall. Aktienfonds gehören seit vielen Jahren zu den wichtigsten Bausteinen vieler unserer Strategien. Das Problem sind nicht die Aktien. Das Problem ist inkonsistentes Denken.
Wenn die wichtigste Erkenntnis einer Krise lautet, dass Dinge anders verlaufen können als erwartet, dann sollte daraus mehr Offenheit entstehen – nicht weniger. Dann sollte man sich fragen:
- Welche Annahmen stecken hinter meiner Empfehlung?
- Und was passiert, wenn diese Annahmen falsch sind?
- Genau diese Fragen fehlen in vielen Anlagediskussionen.
Die Idee, Risiken nicht ausschließlich auf ein einziges Szenario zu konzentrieren, gehört seit Jahrzehnten zu den Grundgedanken moderner Portfoliotheorie (2).
Finanzplanung statt Fondsmanagement bedeutet andere Fragen zu stellen
Ein Fondsmanager stellt häufig die Frage:„Welche Anlageklasse erzielt langfristig die höchste Rendite?“ Diese Frage ist völlig legitim.
Ein Finanzplaner stellt dagegen eine andere Frage:
„Wie erreiche ich meine Ziele, wenn die Zukunft anders verläuft als erwartet?“
Das führt zwangsläufig zu anderen Überlegungen, die er neben der Rendite und dem Risiko berücksichtigt:.
- Liquidität.
- Entnahmephasen.
- Steuern.
- Berufliche Risiken.
- Krankheit.
- Pflegebedürftigkeit.
- Veränderungen im Familienleben.
All diese Faktoren spielen in einer Finanzplanung eine Rolle. Deshalb endet gute Finanzplanung häufig nicht bei einer einzigen Anlageklasse.
Wer sich näher mit unserem Ansatz beschäftigen möchte, findet weitere Informationen auf unseren kostenfreien Private-Finanzen-Webinaren.
Warum wir solche Veranstaltungen trotzdem besuchen
Wer bis hierhin gelesen hat, könnte sich fragen: Warum besucht FORAIM überhaupt Veranstaltungen, wenn wir Empfehlungen und Aussagen anschließend so kritisch hinterfragen?
Die Antwort ist einfach: Genau deshalb.
Der Wert solcher Veranstaltungen liegt nicht darin, jede Aussage zu übernehmen. Der Wert liegt darin, Denkweisen kennenzulernen, Argumente zu prüfen und manchmal auch Widersprüche zu entdecken. Manchmal führt das zu der Erkenntnis, dass eine Idee für unsere Mandanten nicht geeignet erscheint. Manchmal geschieht aber auch das Gegenteil.
Genau darüber haben wir bereits im Beitrag „Fonds entdecken abseits des Mainstreams“ berichtet.
Dort haben Gespräche mit Fondsmanagern und die intensive Auseinandersetzung mit weniger bekannten Konzepten dazu geführt, dass wir interessante Ansätze entdeckt haben, die wir ohne diesen Blick über den Tellerrand möglicherweise übersehen hätten. Der Nutzen für unsere Mandanten entsteht deshalb nicht dadurch, dass wir jeder Meinung folgen. Er entsteht dadurch, dass wir uns unterschiedliche Meinungen anhören, sie kritisch prüfen und anschließend selbst entscheiden. Manchmal bestätigen sich Ideen. Manchmal verwerfen wir sie.
Beides kann wertvoll sein. Denn erfolgreiche Finanzplanung besteht nicht darin, die lauteste Meinung zu übernehmen. Sie besteht darin, sauber zu denken und die richtigen Fragen zu stellen.
Finanzplanung statt Fondsmanagement: Das eigentliche Fazit
Der Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb beschreibt in seinem Konzept der Antifragilität (3), dass robuste Systeme nicht dadurch entstehen, dass man die Zukunft vorhersagt, sondern dadurch, dass man mit Unsicherheit umgehen kann. Genau deshalb taucht Taleb in unseren Veröffentlichungen immer wieder auf.
Vielleicht besteht die wichtigste Lehre aus Krisen nicht darin, die richtige Anlageklasse zu finden. Sondern sie besteht darin, zu akzeptieren, dass niemand die Zukunft kennt.
Für uns bei FORAIM gehört deshalb logisches und konsistentes Denken zu den wichtigsten Werkzeugen der Finanzplanung. Denn gute Geldanlage beginnt nicht mit einer Prognose.Sie beginnt mit einer einfachen Frage:
Sind die Argumente eigentlich in sich schlüssig?
Wer diese Frage nicht beantwortet, sollte über Renditeprognosen vielleicht noch gar nicht sprechen.
Links:
Bundeszentrale für politische Bildung, Die Finanzkrise von 2007/2008 und ihre Folgen, 21.02.2024
Wikipedia, Modern portfolio theory,
Süddeutsche Zeitung, Buchkommentierung: „Antifragilität“ von Nassim Taleb – Sokrates hätte ein „Like“ kassiert, 15.03.2013







