Warum geopolitische Schlagzeilen selten ein Finanzplanungsproblem sind
Finanzplanung in einer Welt mit Fat Tails – eine Taleb-Perspektive
Grönland und Tump, kann man hier von Nassim Nicholas Taleb lernen: Schwarzer Schwan, Antifragilität und politische Risk-Modelle?
Der libanesisch-amerikanische Risiko-Philosoph Nassim Nicholas Taleb prägte mit der Schwarze Schwan eine der einflussreichsten Ideen über seltene, aber folgenschwere Ereignisse: Schwarze Schwan Ereignisse sind Überraschungen mit enormer Auswirkung, die im Nachhinein oft als erklärbar erscheinen, obwohl sie vorher unvorhersehbar waren (1). Taleb argumentiert nicht primär über einzelne politische Ereignisse, sondern über unsere Unfähigkeit, seltene Risiken systematisch vorherzusagen und wie man stattdessen robust werden kann.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Einordnung geopolitischer Entwicklungen und stellt keine Anlageberatung oder Empfehlung dar.
Der Schwarze Schwan im Gegensatz zum Weißen Schwan – Was Taleb wirklich meint und trifft dies auf Grönland und Trump zu?
In der Taleb-Definition sind „Schwarze Schwäne“ Ereignisse, die unerwartet, massiv in der Wirkung und nachträglich rationalisiert werden.
Beispiele klassischer (jedenfalls unter diesem Label diskutierte) Schwarzer Schwan Ereignisse:
- Plötzliche geopolitische Schocks
- Finanzkrisen
- Pandemien
Gerade den ersten Punkt kann man bei geopolitischen Risiken immer wieder beobachten: Was gestern als „unwahrscheinlich“ galt, wird heute als „logisch“ erklärt – aber erst nachdem es passiert ist.
Grönland, Trump und die Grenzen des Vorhersehens
In jüngerer Zeit ist aus politischen Kontexten immer wieder die Diskussion aufgekommen, ob die USA unter Donald Trump versuchen könnten, territoriale Kontrolle über Grönland zu gewinnen.
Die Debatten um Trump und Grönland sind genau der Typ politischer Unsicherheit, den Taleb oft thematisiert — nicht als plötzliches, überraschendes „Boom“-Ereignis, sondern als langwierige strukturelle Unsicherheit.
Taleb selbst äußerte sich etwa indirekt zu Risiken, die durch große politische Strategien entstehen – etwa, wenn die US-Schuldenlast und politische Maßnahmen wie Zölle strukturelle Belastungen erzeugen, die die Märkte fragil machen.
Grönland und Trump sind keine klassischen Schwarzen Schwäne, sondern ein strukturelles Tail-Risiko
Warum? Taleb unterscheidet zwischen:
- Schwarzer Schwan Ereignisse – plötzlich, überraschend, massiv
- Strukturelle Risiken / Fat Tails – langsam wirkend, schwer zu quantifizieren, aber bedeutend
Der Ansatz von Taleb betont, dass viele reale Risiken nicht im Bereich einfacher Wahrscheinlichkeitsrechnung liegen, sondern in Bereichen mit „Fat Tails“ – also wo seltene Ereignisse große Wirkung haben, aber schwerer zu prognostizieren sind. Die Idee, dass traditionelle Modelle politische Risiken zuverlässig einpreisen können (z. B. die Wahrscheinlichkeit einer Annexion oder internationaler Bruchlinien), ist nach Talebs Kritik an vereinfachten statistischen Modellen der Ludic Fallacy besonders problematisch:
Die Idee, die Zukunft wie ein Spiel mit bekannten Wahrscheinlichkeiten zu behandeln, ist eine Täuschung.
Einschub: Was sind Tail Risks und Fat Tails?
In vielen Modellen wird angenommen, dass extreme Ereignisse sehr selten sind und in einer Verteilungskurve nach außen schnell „abflachen“ – so wie bei einer Glockenkurve.
Fat Tails („fette Enden“) (2) bedeuten das Gegenteil:
Extreme Ereignisse treten viel häufiger auf, als klassische Modelle erwarten – und sie haben unverhältnismäßig große Auswirkungen.
Alltagstauglich gesagt:
- Kleine Abweichungen sind häufig
- Sehr große Abweichungen sind nicht vernachlässigbar
- Durchschnittswerte verlieren ihre Aussagekraft
Talebs Kernaussage:
In Politik, Finanzmärkten und Geopolitik leben wir nicht in einer Welt stabiler Wahrscheinlichkeiten, sondern in einer Welt, in der seltene Extreme das Ergebnis dominieren können.
Antifragilität als Resonanzkörper zu geopolitischen Risiken
In Talebs späterem Werk „Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen“ (3) erweitert er seine Argumentation: Systeme sollten nicht nur robust gegenüber Schocks sein, sondern durch Schocks stärker werden. Übertragen auf geopolitische Unsicherheiten wie Debatten um Grönland bedeutet das:
- Anstatt zu versuchen, politische Ereignisse exakt zu prognostizieren,
- sollte Risikoanalyse Robustheit und Reserven einkalkulieren,
- und Bereiche identifizieren, die positiv auf Ungewissheit reagieren – also antifragil sind.
Das ist ein zentraler Unterschied zur üblichen Politik- oder Markteinschätzung, die oft starre Szenarien mit festen Wahrscheinlichkeiten nutzt.
Skin in the Game: Warum politische Risikoeinschätzung oft asymmetrisch ist
Ein weiteres Taleb-Konzept spielt hier eine Rolle: Skin in the Game – also, dass Entscheidungsträger die Risiken auch selbst tragen müssen. In geopolitischen Prozessen wie möglichen Grönland-Veränderungen tragen viele Akteure oft nicht die direkten Konsequenzen ihrer Entscheidungen – was laut Taleb zu fehlender Verantwortlichkeit und überraschenden Risiken führen kann.
Schlussfolgerung: Was Anleger und Beobachter daraus lernen können
Grönland ist eher ein strukturelles, nicht-binäres Risiko, kein klassischer Schwarzer Schwan, sondern ein langfristiger Tail-Risk, der Märkte durch Unsicherheit und politische Unsicherheit beeinflusst. Dies erfordert Robustheit, nicht Detektion eines einzelnen Ereignisses. Wichtig ist also eine wirklich umfassende Diversifikation, die über die üblichen Ansätze hinausgeht und zum Beispiel auch eine Diversifikation der Kapitalverwahrstellen über Landesgrenzen hinweg erfasst. Beispiele dafür finden Sie hier:
Robuste private Finanzplanung auch in politischen Krisen
Geldanlage in Liechtenstein: Eine zusätzliche Diversifikation
Die Lehre von Taleb in Hinblick auf Grönland und Trump
Nicht versuchen, die exakte Wahrscheinlichkeit politischer Ereignisse zu prognostizieren (Ludic Fallacy), sondern Strukturen zu schaffen, die mit Ungewissheit leben oder sogar von ihr profitieren (Antifragilität). Und Entscheidungsträger dazu bringen, die Risiken ihrer Entscheidungen selbst zu tragen (Skin in the Game).
Links/Hinweise
(1) Nassim Nicholas Taleb: Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. Pantheon Verlag, München 2018
(2) Eine Erklärung der Fat Tail Risiken finden Sie z.B. hier auf RiskNet
(3) Nassim Nicholas Taleb: Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen, Pantheon Verlag, München 2018, hier Kurzbeschreibung bei Amazon







